Die Wortwahl der Kinder konfrontiert uns oft mit einem Phänomen unserer Gesellschaft: Gruppendynamik, Ausgrenzung von Andersdenkenden. „Du schwuli Sau“, „Läck isch das schwul, hey“ wird in den Mund genommen. Die Botschaft der Aussage ein und derselben Worte ist je nach Situation und Tonfall durchaus auch eine positive oder eben eine negative. Auch wandelt sie sich im Laufe der Zeit stetig, Erwachsene müssen sich immer wieder von neuem über die für die Kinder im Moment gültige Aussage aufklären.
Den Kindern ist selten bewusst, wie diese Aussagen auf eine Person wirken, die sich mit den eigenen sexuellen Vorlieben und Orientierungen auseinandersetzt.
Zudem begegnen die meisten Menschen Unbekanntem mit Unbehagen und Ablehnung, Ängste werden geweckt. Schnell kreieren wir aus dem Nichts Erklärungsversuche und verfallen wegen persönlicher Unsicherheit und Orientierungslosigkeit dem Drang zu klassifizieren: Wir kreieren Schubladen wie heterosexuell, homosexuell, bisexuell, schwul, lesbisch, normal, abnormal und sind geneigt, Sexualität auf Penetration zu reduzieren. Darob vergessen wir die Vielfältigkeit sexuellen Erlebens. Wir Erwachsene stellen den Kindern ein leeres Erklärungsmodell, ein wackliges Gerüst zur freien Verfügung, das im Effekt reduziert auf ein Schwarz- Weiß - Denken. Und wie so vieles andere auch, verwenden dies die Kinder (und wir Erwachsene!) gnadenlos zu gruppendynamischen Zwecken.
Mit welchen Belastungen gleichgeschlechtlich empfindende Menschen umgehen müssen, wenn sie in einem wenig toleranten Umfeld leben, und welche verhängnisvollen Auswirkungen feindliche Haltungen der Umgebung auf sie haben können, fällt in einer Gesellschaft, wo Heterosexualität als Norm definiert wird, nicht auf. Den Schwierigkeiten, mit denen gleichgeschlechtlich empfindende Menschen zum Teil zu kämpfen haben, liegt weniger ihre persönliche sexuelle Orientierung zu Grunde, sondern viel mehr die ablehnende Haltung, vorurteilbehaftetes Denken und mangelnde Wertschätzung des konkreten Umfelds ihnen gegenüber. Und in diesem Punkt sind gerade Lehrkräfte speziell gefordert. Sie müssen Selbst- und Sozialkompetenzen fördern, Sprachbildung betreiben und Fachwissen vermitteln. Keine einfache Aufgabe, neben der Fülle an ebenso wichtigen Aufgaben scheinbar unlösbar.
Fachkompetent sein ...
Zum Einen müssen die Lehrkräfte fachkompetent sein, damit gemein gültige Vorurteile überhaupt abbaubar sind. Im pädagogischen Bereich sind folgende besonders hartnäckig verbreitet und zum Glück ganz einfach zu widerlegen:
„Ein Lesbenpaar kann kein Kind erziehen, geschweige denn ein schwules Paar.“
Pädagogische, erzieherische Kompetenzen liegen unabhängig der sexuellen Orientierung eines Menschen vor! Die Tatsache, dass der Mensch unabhängig von seiner sexuellen Orientierung verschiedene Qualitäten für die Kinderbetreuung entwickelt, wird also unterschlagen.
„Ein schwuler Lehrer verführt seine Jungs.“
Sexuelle Verführung von Kindern am Arbeitsplatz (Lehrer, Sporttrainer etc.) hat nichts mit Schwul oder Lesbisch zu tun. Homosexualität und Pädophilie werden immer noch vermischt. Es wird ausgeblendet, dass wenn Pädophilie vorliegt, diese bei keiner Person ursächlich mit deren sexueller Orientierung verbunden ist.
... und damit selbstbewusst umgehen
Zum Anderen müssen Lehrkräfte mit dieser Fachkompetenz selbstbewusst umgehen können, weil viele der unbegründeten Vorurteile und Ängste, die so oft daran hindern, neuen Welten zuversichtlich und sachlich zu begegnen, erst dann losgelassen werden können. Jeder Mensch ist gefordert, seine inneren Werte in Bezug auf sein Leben voller Prägungen zu prüfen und zu überdenken. Dazu ist fremde Unterstützung sehr wertvoll. Es gibt gute Möglichkeiten, sich dem Thema der sexuellen Empfindungen zu widmen:
- Lancieren Sie die Ausstellung über lesbische und schwule Lebensweisen in ihrer Gemeinde für die gesamte Schule (www.bus.los.ch).
- Gestalten Sie Schulbesuche: Jeweils ein schwuler Mann, eine lesbische Frau und ein Elternteil eines homosexuellen Kindes erzählen aus ihrem Leben, diskutieren übers Anderssein und stellen sich Fragen aus der Klasse (www.gll.ch).
- Konsultieren Sie unsere Fachstellen für Projektgestaltungen und weitere stufengerechte Angebote für Schulklassen.
- Suchen Sie den Kontakt mit der HAGR, homosexuelle Arbeitsgruppe Graubünden (www.gaygraubuenden.ch).
(Dieser Artikel erschien im Bündner Schulblatt, Ausgabe Februar 2005)
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